Archiv für Juli 2010

„Ist das Projekt Mediaspree also gestoppt?“

Die Zitty nimmt die Megaspree-Parade und das ungwöhnlich große/breite/vielfältige Bündnis, das den tanzenden Sternmarsch auf die Beine gestellt hat, zum Anlass, eine neue APO herbeizuschreiben. Sie stellt einige bedrohte Kulturprojekte vor, die größerenteils bei Megaspree mit aktiv sind. Und interviewt den Pressestar-Evergreen C. J. als Vertreter von Mediaspree versenken:

Ist das Projekt Mediaspree also gestoppt?
Momentan sieht es glücklicherweise so aus, als wolle niemand, der an der Spree eine Baugenehmigung hat, hier den ersten Spatenstich machen nach dem Bürgerentscheid für freie Ufer. Nur der Senat meint, das Maria-Grundstück verkaufen zu müssen, um einen gegen den Bürgerwillen durchgedrückten Bebauungsplan umzusetzen. Wir hoffen, dass im Osthafen die Öffentlichkeit im gesetzlichen Rahmen informiert und beteiligt wird, bevor irgendwas weitergeht. Das Bauen ohne Bürgerbeteiligung in Berlin muss endlich aufhören.

Das ist lustig. Begonnene Bauarbeiten seit dem Bürgerentscheid: nhow-Hotel, Labels 2, HochTief-Zentrale, Abriss der Kühlhäuser der Eisfabrik. Mehrere Bauvorhaben (z.B. am Postbahnhof) sollen wegen der Finanzkrise gescheitert sein, ganz unabhängig vom Bürger_innenentscheid. Die Riesenbaugruppe „Oberbaumkiez“ scheiterte an unzureichender Nachfrage. Nun wurde ein weiteres HochTief-Bürogebäude angekündigt, angeblicher Baubeginn: 1. Quartal 2011. Weiterhin warten die Großbaugruppe „Spreefeld“ und das Carloft-Projekt am Treptower Ufer auf den Startschuss, Stefan Sihler träumt von einem Labels 3 im Osthafen und der Käufer der Seifenfabrik könnte bald mit einem Plan auf der Matte stehen.

Leute, Mediaspree läuft weiter, auch ganz ohne Marketingverein. Weder Bezirk, Senat noch Presselandschaft, geschweige denn ein auf dem Papier beschlossener Bürger_innenentscheid hält da Investoren zurück. Wenn die Nachfrage stimmt, wird auch gebaut – so sieht’s aus. Um das zu verhindern braucht es mehr als die immergleiche Beteuerung, es stehe bestens um ein Spreeufer für alle, und Mediaspree versenken habe alles im Griff. So wird Bewegung getötet statt angeregt! (fassungslos sei…)

Die Freiheit der Investoren ist nicht die Freiheit die wir meinen

So, nun isses raus – der Baukonzern Hochtief hat sein nächstes Media­spree-Bauprojekt angekündigt: Ein Büroklotz im Osthafen soll es sein, gleich neben dem noch nicht ganz fertig gestellten „nhow“-Luxushotel. Das neue Projekt hört auf den eher peinlichen Namen „Berlins Große Freiheit - work life balance offices“.

Dabei stehen zur Zeit etwas 1,6 Mio. Quadratmeter Büroflächen leer in Berlin, und es wird berichtet, Unternehmen bezögen neue Flächen höchstens, um den Laden angesichts der Wirtschaftskrise zu verkleinern. Will Hochtief die Unternehmen etwa mit einer schicken Aussicht aufs Wasser locken, damit das Downsizing sich als Imagegewinn verkaufen lässt?

Und dann dieser Claim: „work life ballance“ – ein Arbeitsort, an dem sich die untoten Karrierestreber ein bisschen lebendig fühlen können, auch wenn massive Überstunden, die man selbstverständlich in Aufopferung für den Betrieb auf sich zu nehmen hat, das Leben zum Grauen machen? Der alte Spruch: Arbeit macht das Leben aus.

Aber auch schön: Haben wir im Herbst gleich zwei Anlässe, wieder in den Osthafen zu mobilisieren, und können mit lautstarkem Widerspruch gegen die Eröffnung des perfiden Luxushotels auch gleich den Widerstand gegen ein weiteres Neubau-Investorenprojekt eröffnen.

Aber es sei daran erinnert: Ein angekündigtes Vorhaben heißt noch lange nicht, dass auch wirklich gebaut wird. Das gesamte Projekt Mediaspree wimmelte Zeit seines Lebens vor lauter lebender Leichen, Baupläne, die viel Jahre lang herumgereicht wurden, aber doch nie die Schublade verließen. Ausgerechnet die Börsenzeitung schrieb kürzlich:

Großen Baukonzernen drohen magere Zeiten. Nirgendwo in Europa gibt es aktuell Anzeichen, dass es wieder zu spekulativen Neubauprojekten von Büroimmobilien kommt, resümiert Jan Linsin, Head of Research bei CB Richard Ellis (CBRE) in Deutschland, die momentane Lage in den großen europäischen Bürometropolen

Die selbstverständliche Willkür der Grundstücks-Fürsten

Der RBB hat einen Dokumentarfilm über die Folgen der Privatisierung von See- und Flussufern gemacht. Darin kommt auch Mediaspree versenken! zu Wort. Auffällig ist, dass das Privateigentum der völligen Willkür Tür und Tor öffnet und die Interessen der allgemeinen Bevölkerung ausgesperrt werden. Das riecht nicht von ungefähr nach Monarchie im kleinen Maßstab, nach autoritären Grundstücks-Fürsten, die ihre Macht und ihre Privilegien spüren wollen. Deutlich wird auch, dass die Privatisierungspolitik weiter geht, ob nun bei den Brandenburger Seen, die vom Bund weiterhin privatisiert werden sollen, oder bei den Berliner Spreeufern, die ebenfalls ungebremst verscherbelt werden.

Wenig übrig hat die Dokumentation leider für das soziale Verhältnis zwischen Eigentümern und Ausgesperrten – dass es nämlich um eine Verteilung von Reichtum geht, und um die Aneignung gesellschaftlichen Reichtums in der Hand einiger weniger, die über Kapital verfügen. Ein schönes kleines Gegenbeispiel ist jener Herr, der direkt an der Spree auf dem freien Grundstück an der Michaelbrücke mit seinem Bauwagen lebt. Nicht, weil er Eigentümer ist, sondern weil er das brach liegende Grundstück nach seinen eigenen Bedürfnissen nutzt.

Zoff um See und Spree

Sind wir hier denn bei MTV?!?

Eine kleine Einstimmung auf die Megaspree-Parade am Samstag:
Die Wallerts: Wir wollen keine Mediaspree

Samstag 10. Juli jeweils 15 Uhr ab:

  • Moabit: Lehrter Ecke Kruppstraße (B-Laden)
  • Mitte: Oranien Ecke Linienstraße (Tacheles)
  • P‘berg: Bernauer Eck Schwedter Straße (Mauerpark)
  • Friedrichshain: Boxhagener Platz
  • Treptow/Alt-Stralau: Elsenbrücke
  • Kreuzberg: Oranienplatz

Beware of the sechsarmige Glitzerglammourpartyprotestmonster!

Stadtklima retten – Mediaspree versenken

Angesichts der überaus heißen Sommertage knöpft sich die Taz das Thema Klimawandel und Stadtklima vor. Der Klimawandel wird voraussichtlich zu einer deutlich erhöhten Temperatur in Großstädten führen, auch in Berlin. Gerade im Sommer können heiße Tage dann unerträglich werden. Dieses Problem wird noch durch die Stadtentwicklungspolitik des Senats verschärft, Freiräume in Innenstadtnähe aus Profitgründen zuzubauen.

Diese Freiräume werden aber nicht nur gebraucht, damit die Anwohner_innen wohl fühlen und dort nach Lust und Laune austoben können, sondern auch um der Stadt im Hochsommer Abkühlung zu ermöglichen. So ist gerade die Spree eine wichtige Kaltluftschneise, die nachts kühle Frischluft in die Stadt hinein bringt. Durch die Bebauung der Spreeufer geht diese Wirkung aber verloren.

Ein „Stadtentwicklungsplan Klima“, den Junge-Reyers Senatsverwaltung seit Jahren ankündigt, wird aber offenbar nicht vorangetrieben. Vielleicht, weil eine ernstgemeinte Umsetzung den Verzicht auf heißgeliebte Investorenpläne bedeutete?

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